Vom Nachtragend-Sein

Sich gekränkt, verletzt oder missachtet zu fühlen, das tut weh. Und wenn das öfters passiert, schmälert es erheblich die persönliche Lebensqualität. Es kann also lohnend sein, mal einen Blick hinter die seelischen Kulissen zu werfen.

Wenn ich also öfters gekränkt oder verletzt bin, mich missachtet oder angegriffen fühle, spricht einiges dafür, dass es vor allem etwas mit mir zu tun hat und weniger mit dem anderen.

Variante 1: Wenn ich ein schlechtes Bild von der Welt habe, passiert es mir schneller, andere durch diese negative Haltung vorzuverurteilen.

Variante 2: Wenn ich mich selbst gering schätze, bin ich deutlich empfindlicher gegenüber anderen, und dadurch wittere ich auch schneller Angriffe und fühle mich von Kritik schneller und stärker getroffen.

Variante 3: Nachtragend sein hat auch etwas mit Macht zu tun. Wenn ich verletzt „werde“, bin ich Opfer und damit der Andere zwangsläufig Täter, und Täter müssen Buße tun und bereuen oder Wiedergutmachung leisten, und die legt in der Regel das Opfer fest. In diesem Fall hat das Nachtragend-Sein auch etwas mit Manipulation zu tun. Schuldzuweisung, Kontrolle und Macht – die drei hängen eng zusammen.

Schauen wir mal auf die Varianten eins oder zwei als Ursache fürs Nachtragend-Sein. Da dem Nachtragend-Sein eine tatsächlich empfundene Kränkung oder Verletzung vorausgeht, hier ein paar Anregungen.

Frag dich selbst:

1.

Wo sind meine deine wunden Punkte? Mach mal eine Bestandsaufnahme von Situationen, in denen du dich gekränkt gefühlt hast. Was haben diese Situationen gemeinsam? Auf welche Themen springst du an? Beispiel: Wenn ich mich seit längerer Zeit um einen Job bemühe, aber kein Glück habe, dann beziehe ich HARTZ-IV-Witze gleich auf mich und sie kränken mich, was sie nicht tun würden, wenn ich einen Job hätte. Eben weil ich eine Verbindung zu mir herstelle und weil ich vielleicht in meinem Innern genau davor Angst habe, keine Job mehr zu bekommen und eben weil mir mit jeder Absage ein Stimmchen zuflüstert, dass ich vielleicht zu inkompetent / alt / doof / usw. bin, um jemals wieder einen Job zu bekommen. Das heißt, das Thema ist für mich negativ besetzt, es kratzt an meinem Selbstwertgefühl, und aus diesem unsicheren Selbstwertgefühl heraus, reagiere ich deutlich empfindlicher, als wenn mein Selbstwertgefühl „intakt“ wäre.

Dafür kann der andere zunächst mal nichts.

Mal einmal eine Liste deiner erlebten „Schmach-Situationen“. Wo liegen eventuell Gemeinsamkeiten? Gibt es Themen oder Situationen, die immer wiederkommen? Was genau triggert dich? Und wenn du dir die Fragen beantwortest, bleib ganz bei dir, es ist ja auch dein Gefühl.

Beispiel: „Ich fühle mich gekränkt, weil ich tatsächlich unsicher etc. bin und mich mit meiner Sorge nicht wahrgenommen fühle.“ Und nicht: „Der andere nimmt meine Sorgen nicht ernst.“ Das erste beschreibt deine Gefühlswelt, das zweite ist eine Unterstellung.

2.

Manchmal liegt es auch gar nicht am Thema, sondern an der Person, von der ich mich gekränkt fühle. Habe ich mich schon öfters von dieser Person gekränkt gefühlt und hat diese Person das auch wirklich intendiert? Oder erinnert mich dieser Mensch an jemanden, z.B. aus meiner Vergangenheit, mit dem ich Kränkungen oder Kritik verbinde, z.B. ein Lehrer oder Elternteil? Das heißt, nehme ich vielleicht jemanden aus dem Heute in Sippenhaft mit jemandem aus der Vergangenheit?

Sollte dieser Mensch tatsächlich toxisch sein, ist Abstand eine gute Idee. Sollte dieser Mensch aber gar nicht das Ziel verfolgen, dich zu verletzen, dann liegt die Ursache für deine Gefühle sehr wahrscheinlich bei dir, deiner Wahrnehmung und Interpretation.

3.

Egal wie, immer gilt: Die Macht über deine Verwundbarkeit hat nicht der andere, sondern du selbst. Denn es ist deine Bewertung, die zu deinen Gefühlen führt und damit bist du selbst verantwortlich. Auch wenn das eine unbequeme Wahrheit ist, weil sie dir das Opfersein wegnimmt, hat sie viel Gutes, denn sie gibt dir die Macht über deine Gefühle zurück.

In der kognitiven Verhaltenstherapie wird deshalb sehr genau unterschieden zwischen auslösendem Ereignis und Bewertung und Folgen der Bewertung. Also: A sagt etwas und C ist gekränkt. Dazwischen liegt aber B: die Bewertung der Aussage von A durch C. Das machen wir uns aber oft nicht bewusst, sondern wir sagen A ist verantwortlich für C. Tatsächlich liegt aber die Ursache für das Gefühl von Kränkung (das in der Folge zum Nachtragend-Sein führt) im B, in meine Bewertung und nicht bei A.

Und das bedeutet, wenn ich ein entspannteres und glücklicheres Leben führen möchte, muss ich anfangen, meine Bewertungen auf ihre Berechtigung und Sinnhaftigkeit zu hinterfragen. Auch wenn mich das vielleicht zunächst verunsichert.

Youtube-Kanal „casydinsing“, 30.07.2017